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Interessengemeinschaft Rechtsschutz für Pfarrerinnen und Pfarrer und Gewaltenteilung in der Kirche


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Kirche der Freiheit!?

Kirche der Freiheit!?
Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer
Februar 2017

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan – im Glauben. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan – in der Liebe.“ Diese zentrale Aussage Luthers aus seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ veranlasst auch heute viele, die evangelische Kirche als Kirche der Freiheit zu verstehen.
Die Reformatoren verstanden die heilige christliche Kirche als Gemeindekirche, als Gemeinschaft der Glaubenden, die in Glauben, Liebe und Hoffnung mit Christus und untereinander verbunden sind und nach seinem Wort in der Nachfolge leben wollen. Diese Kirche ist innerlich, geistlich und unsichtbar im Herzen der Gläubigen. Zu ihr zu gehören, ist ein Geschenk Gottes. Diese Kirche ist weltweit und bis zum jüngsten Gericht vorhanden, ohne dass eine Kirchenorganisation darauf zugreifen kann. Erst relativ spät beschrieb Luther ausgehend von der Bibel als äußere Zeichen für die wahre Kirche Gottes Wort, Taufe, Abendmahl, die Schlüsselgewalt nach Matt. 18,18, das Predigtamt, der öffentliche Gottesdienst und das Kreuz, das Christen um ihres Glaubens willen erleiden. Das sind alles Zeichen, die an der örtlichen Gemeinde ausgerichtet sind.
2006 stellte das Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ Leuchtfeuerprojekte zur Reform der Kirche vor. Es ist weniger ein Masterplan zum inneren und äußeren Wachstum der Kirche. Der vom Impulspapier in den deutschen Landeskirchen angestoßene „Reformprozess“ folgte eher der Absicht, zum „freiwilligen“ Umzug in ein kleineres Haus anzuleiten.
Es geht nicht darum, die im Folgenden dargestellten Maßnahmen und Handlungsweisen im einzelnen als sinnvoll und angemessen oder als unsinnig zu beurteilen. Es geht darum, dass in der Zusammenschau der einzelnen Aktivitäten sich ein äußerst bedenkliches Bild von Kirche und Gemeinde – im geistlichen wie im organisatorischen Sinne – abzeichnet.
Das Impulspapier geht davon aus, dass die EKD 2030 ein Drittel weniger Mitglieder als 2002 hat und nur noch über die Hälfte ihrer Finanzkraft verfügt. Der württembergische Finanzdezernent Oberkirchenrat Kastrup erklärte vor der Landessynode im Sommer 2016 „Seit 1992 gibt es trotz sinkender Mitgliederzahlen ein durchschnittliches Kirchensteuerwachstum von jährlich real – d.h. inflationsbereinigt – 1,9 Prozent.“ Deutlich verringerte sich aber die Zahl von Theologie Studierenden sowie Vikarinnen und Vikaren.
Pfarrstellen bzw. Stellen angestellter gemeindlicher Mitarbeitender wurden teilweise oder ganz reduziert. Dafür entstanden Gemeindeverbünde bzw. Gesamtkirchengemeinden. Verwaltungsstellen, Fachdienste bzw. Einrichtungen und Werke wurden auf Distrikt- oder Dekanatsebene personell ausgebaut. Die Entscheidungskompetenz wurde auf die Ebenen von Gesamtgemeinden, Distrikt oder Dekanat verlagert. Diakone sind in Württemberg nicht mehr auf der Ebene der Gemeinde, sondern des Dekanats angestellt. Gleichzeitig wurden auf der Ebene der Landeskirchen umfangreiche Rücklagen gebildet, um die Zahlung der Personalgehälter zu sichern und längerfristig vom Kirchensteueraufkommen unabhängig zu machen. Die EKD und die Landeskirchen verstehen sich zunehmend als Kirchen im geistlichen Sinne statt sich auf das Amt der Kirchenleitung zu beschränken.
Die beschriebenen Maßnahmen wurden vielfach mit Hilfe von Unternehmensberatungen entwickelt und umgesetzt. Damit kamen mehr oder weniger bewusst auch kirchenfremde Inhalte und Maßnahmen in kirchliches Handeln. Dabei wurden die in den alle zehn Jahre stattfindenden Umfragen unter Kirchenmitgliedern nicht berücksichtigt. Es kommt dort etwa jedes Mal zum Ausdruck, dass die meisten Kirchenmitglieder die Gemeinde und Kirche mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer identifizieren und eine wohnortbezogene Struktur wünschen. Die „Reformen“ stärken eine nicht pfarrerzentrierte Kirche und groß- bzw. übergemeindliche Strukturen. Zunehmend wird zudem überlegt, was sich rechnet. Der durch das Impulspapier angestoßene „Reformprozess“ tendiert auf eine zentralistisch organisierte „Behördenkirche“ hin, in der die Gemeinden quasi als Filialbetriebe und ihre Kirchengemeinderäte entmündigt, hauptamtlich und ehrenamtlich arbeitende Gemeindeglieder verdrängt, Pfarrerinnen und Pfarrer zu Dienstleistenden degradiert und insgesamt die Arbeit mit den Menschen an der Basis durch rigorose Sparmaßnahmen immer mehr eingeschränkt werden.
Selbstkritisch und ergebnisoffen ist die Entwicklung der letzten zehn Jahre auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen, inwieweit die „Reformen“ der Kirche als geistliche Gemeinschaft und der Verkündigung des Evangeliums gedient haben, inwieweit die Kirche
der Ideologie der Ökonomisierung erlegen ist und wie sich die Bindung von Mitarbeitenden und Gemeindegliedern an die Kirche verändert hat. Kirche ist nur Kirche, wenn sie hört – auf das Evangelium und auf ihre Mitglieder – und wenn sie sie an der Freiheit des Evangeliums teilhaben lässt und den herrschenden Mechanismen und Denkgewohnheiten
widersteht.