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Interessengemeinschaft Rechtsschutz für Pfarrerinnen und Pfarrer und Gewaltenteilung in der Kirche


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100 Begriffe des Staatskirchenrechts

Buchbesprechung

Hans-Eberhard Dietrich
Hans Michael Heinig/Hendrik Munsonius (Hrg.) 100 Begriffe aus dem Staatskirchenrecht, Mohr Siebeck, Tübingen 2012, 9,80 Euro

Wenn sich ein Theologe zu „100 Begriffe aus dem Staatskirchenrecht“ äußert, so wird er sich in seinem Urteil beschränken auf die Begriffe, die ihn in seiner pfarramtlichen Praxis begegnen oder ihn existentiell in seiner dienstrechtlichen Stellung angehen. Das betrifft rund die Hälfte aller Stichworte, wie z.B. Pfarrerdienstrecht, Seelsorge, Religionsunterricht, Taufe, Zivilehe. Die Artikel geben einen ersten Einblick in das jeweilige Thema und laden mit den beigefügten Literaturangaben zur weiteren Beschäftigung ein.
Die 31 Autorinnen und Autoren stammen meist aus der Kirchenverwaltung, sie sind Lehrstuhlinhaber von Kirchenrecht und staatlichem Recht. Neben den Herausgebern Heinig und Munsonius sind weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Kirchenrechtlichen Institut der EKD in Göttingen beteiligt.
Es ist ein lesenswertes Buch für alle, die an Religionsrecht interessiert sind, weil es Themen behandelt, die die pfarramtliche Praxis abdecken und die aktuelle Rechtslage und Rechtsprechung berücksichtigen.

Ausgesprochen hilfreich sind z.B. sind die Erläuterungen zu Zeugnisverweigerungsrecht und Seelsorge, weil sie die Rechtslage nicht nur für den Pfarrer, die Pfarrerin darstellen, sondern für alle, die in der Gemeinde im Bereich der Seelsorge tätig sind.

Oder das Stichwort „Zivilehe“. Dort erfahren wir, dass seit 2009 „eine kirchliche Trauung möglich (ist) ohne dass zuvor eine zivilrechtliche Ehe geschlossen wurde.“ Ungeklärt lässt der Artikel freilich, wie jetzt mit der bisherigen theologischen Einsicht umzugehen ist, dass eine kirchliche Trauung ohne vorangegangene standesamtliche Eheschließung nicht möglich ist.

Noch ein Stichwort liefert für die pfarramtliche Praxis hilfreiche Argumente, wenn man als Kirchengemeinde sich für den Sonntagsschutz einsetzen will. Hier erfährt man, dass das Grundgesetz und Einzelgesetze dem Sonntag einen außerordentlich hohen Stellenwert einräumen, so dass der Schutz des Sonntags nicht einfach ökonomischen Zweckmäßigkeitserwägungen oder Einzelbedürfnissen wie Shopping geopfert werden darf.

Aus der Sicht des Theologen finden Stichworte, die das Pfarrerdienstrecht angehen (u.a. Ämterfreiheit, Gerichtlicher Rechtsschutz, Körperschaftsstatus, Pfarrerdienstrecht), keine ungeteilte Zustimmung, zumal die in den letzten Jahren geführte Debatte in der Pfarrerschaft noch nicht einmal ansatzweise anklingt.

Zum Beispiel wird im Pfarrerdienstrecht der Wartestand bei der Ungedeihlichkeit erwähnt, nicht aber die Möglichkeit, dass er nach drei Jahren automatisch in den Ruhestand führt.
Nicht erwähnt wird, dass die Kirche Rechtsstaatsbindung und ihr kirchliches Selbstverständnis in Einklang bringen und dabei ihr Selbstverständnis transparent machen muss. Transparenz würde bedeuten, ihr Selbstverständnis mit den Erfordernissen ihrer Verkündigung zu begründen. Gerade das aber tut die Kirche nicht.

Das Buch will helfen, das Staatskirchenrecht qualifiziert zu diskutieren (Werbung des Verlags). Zumindest bei Darlegungen, die mit dem Pfarrerdienstrecht zusammenhängen, wird es diesem Anspruch nicht gerecht, weil abweichende Meinungen und Kritik kaum zu Worte kommen. Ein Problembewusstsein wird bei kritischen Lesern nicht geweckt, weil die Materie im Sinne der Kirchenverwaltung möglichst widerspruchsfrei dargestellt wird, wobei die Autoren freilich unterschiedliche Akzente setzen.

Hilfreich für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staatskirchenrecht wäre es gewesen, wenn nicht nur die Grundbegriffe, sondern auch in gebotener Kürze die Grundfragen und Grundprobleme dargestellt worden wären.

Trotz seiner Mängel sollte das Buch in keinem Pfarrhaus oer Kirchenbüro, aucz nicht einmal im Regel eines Kirchengemeinderates fehlen.

Erstmals abgedruckt: a+b 20/2012